Stärken und Schwächen – oder: wie langweile ich einen Bewerber…

Digitalisierung hier, Veränderung da, Industrie 4.0 und so weiter und so fort… Wir alle kennen das und sind ständig damit konfrontiert. Doch neben all der Veränderungen im technischen Bereich, gibt es doch auch einige im sozialen Bereich. Bewerbungsgespräche zum Beispiel unterliegen, wie alles im Moment, einem stetigen Wandel. In unserem letzten Blog, kamen bereits einige Themen zu Sprache. Diesmal soll es um die Änderung der Rollenverteilung gehen und welche Vorteile sich daraus ergeben – für Bewerber und Unternehmen, wenn auch nicht immer gleichzeitig. Es geht um die Frage: ist es noch zeitgemäß nach Stärken und Schwächen zu fragen?

Stärken und Schwächen

Fangen wir mit einem Rückblick an. Wie war das eigentlich noch vor ein paar Jahren mit den Bewerbungsgesprächen? Bewerber waren dem ungeschriebenen Gesetz verpflichtet, sich in einen schicken Fummel zu werfen, eine Bewerbungsmappe dabei zu haben und haben sich vor allem auf die Frage „Was sind Ihre Stärken und was sind Ihre Schwächen?“ vorbereitet. Ich habe noch so viele verzweifelte Stimmen im Ohr von Kollegen, Freunden und Bekannten, denen diese Frage nicht nur den Schweiß auf die Stirn getrieben hat, sondern auch die Furcht in die Augen. Und das obwohl man ja wusste, dass diese Frage wohl gestellt würde… Schon komisch, oder?

Bewerbungsgespräche damals und heute

Durch den weiteren Vormarsch von Internet und moderner Kommunikation, wer hätte das gedacht, konnte diese Kracher-Frage aber, auch dank Schwarmintelligenz, doch noch gelöst werden. So kann man bis heute in zahlreichen Foren und anderen Blogs nachlesen, was man denn für suuuuper Antworten auf diese einfallslose Frage geben kann. Hier mal meine Top 3 Stärken, die mir in den letzten Jahren so genannt wurden:

  • „Ich kann gut mit Menschen.“ (äh ja, damit kann ich jetzt viel anfangen…)
  • „Ich gehe jeden Tag gern zur Arbeit.“ (wirklich? Hat nicht jeder mal einen schlechten Tag?)
  • „Ich bin Perfektionist. Alles muss bei mir perfekt sein.“ (ja ja, eine traumhafte Überleitung zu der Schwächen-Frage. Perfekt vorbereitet eben, aber ist Perfektionismus denn wirklich immer eine Stärke? Wohl eher kaum…)
Stärken des Bewerbers

Eigentlich wird anhand der Beispiele klar, warum es eigentlich absolut sinnfrei ist, nach diesen vermeintlichen Kriterien zu fragen. Denn nirgendwo wird so viel gelogen, wie bei diesen Fragestellungen – da bin ich mir sicher. Bei den Stärken wird gern mal eine Schippe draufgelegt (schon meine Mutter sagte: Nur wer übertreibt kann glaubhaft schildern…) und bei den Schwächen wird ein Weg zur Schadensbegrenzung gesucht. Aber wieso sagen wir nicht einfach, was wir nicht können? Und zwar offen und ehrlich, gerade zu. Scham? Perfektionismus? Fakt ist, nur die wenigsten Bewerber und Kandidaten bringt man damit wirklich noch aus der Ruhe oder kann sie aus der Reserve locken.

Wie ein Lauffeuer hat sich dann ausgebreitet, dass man bei der Frage nach den Schwächen am besten etwas sagt, was eigentlich eine Stärke ist. Eben so etwas, wie Perfektionismus oder den Drang zu viel zu arbeiten. Wer hat den nicht? 😉

Offenheit und Ehrlichkeit vor Ausreden und vorgegaukelter Motivation

Gerade der zunehmende Druck auf dem Arbeitsmarkt und der somit weniger werdende Konkurrenzkampf für den Bewerber sollte aus meiner Sicht zu mehr Offenheit führen. Denn ich stelle lieber jemanden ein, der mir offen sagt, was er nicht kann, als jemanden, der mir versucht vorzugaukeln, dass sein übermäßiger Perfektionismus eigentlich nur zu meinem Vorteil verlaufen kann.

Was zählt, sind Faktoren wie Persönlichkeit, innerer Antrieb und Motivation, sowie Ehrlichkeit und Loyalität. Ob man diese durch die Fragen nach Stärken und Schwächen herausfinden kann, diese Frage lasse ich einmal offen im Raum stehen. Nur so viel: Man kann die Zukunft verändern, mit dem was man heute sagt und tut.